Reportage

Burren Perfumery

Das malzige Aroma der Whiskey-Destillen, der salzige Geruch im stürmischen Wind an den Küsten, der im Hintergrund wahrnehmbare typische Duft der Kamine, die mit Torf befeuert werden, Gebratenes aus den Küchen, die erdigen Wiesen nach einem der kurzen Regenschauern – das Repertoire für die Nase ist vielfältig, spannend und abwechslungsreich in Irland. Es gibt aber noch einen ganz anderen Aspekt von „Riechen“, den man auf den ersten Blick nicht erwarten würde – selbst im Burren.

Fährt man durch die fast unwirkliche karge Landschaft des Burren, glaubt man kaum, dass es hier solch ein Kleinod gibt, wie die Burren Perfumery. Und doch hat sich genau dort ein kleines Unternehmen entwickelt, das edle Düfte und Kosmetika herstellt aus den Ingredienzien, die in der direkten Umgebung wachsen und gedeihen.

Schon die Anfahrt dorthin gestaltet sich typisch irisch – es ist also fast ein Abenteuer. Mal gibt es ein Schild, das relativ vage in eine der drei Fahrtmöglichkeiten zeigt. Aber schon am nächsten Abzweig fehlt jeglicher Hinweis, also einfach nach Gefühl weiter fahren. Dann folgen wieder Straßen, auf denen man sich unwillkürlich fragt, ob man noch in zivilisierten Gegenden ist – der einzige Hinweis, dass hier noch Menschen wohnen müssen, sind die Strom- und Telefonmasten am Straßenrand. An deren Ende müssen noch bewohnte Häuser sein. Und genau so war es auf dem Weg zur Burren Perfumery – plötzlich und unvermittelt eröffnet sich die Einfahrt in den Hof.

Es umfängt den Besucher ein liebevoll und farbenprächtig gestalteter Hof mit ausreichend Parkplätzen. Fast hat man das Gefühl, als würde man in der Wüste unvermittelt auf eine Oase stoßen. Einfach toll und gleichzeitig so typisch für Irland. Kilometerlang fährt man auf holprigen Straßen durch karge Natur mit verfallenen Steinhäusern und dann erstrahlt ohne jede Vorwarnung plötzlich ein englischer Rasen mit Palmen und sorgsam gepflanzten bunten Blumenrabatten.

Wir sind mit Sadie Chowen verabredet, die zusammen mit ihrem Mann Ralph Anfang der 2000er Jahre das Unternehmen gekauft hat. Sie führt uns durch ihr Paradies. „Bis es so war, wie es heute ist, hat es uns schon eine ganze Menge Arbeit gekostet“, erzählt sie. Dabei lacht sie und man merkt, dass sie die Arbeit gern getan hat.

Die Perfumery gab es schon seit Anfang der 1970er Jahre. Damals interessierte sich ein Mann für Düfte aus Frankreich. Er entwickelte zusammen mit Mönchen aus den Pflanzen und Blüten der Umgebung einzigartige Düfte. Er begann, ein kleines Besucherzentrum zu etablieren und zeigte dort die Herstellung seiner Produkte. Als er starb, kümmerte sich seine Familie um den Betrieb, hatte aber wohl keine großen Ambitionen.

2002 erwarb dann Sadie Chowen die Perfumery und es begann eine neue Ära. Zusammen mit ihrem Mann Ralph stürzte sie sich in das Abenteuer „Burren Perfumery“. Ihre Vision: „Wir wollen echte Produkte für irische Frauen schaffen“. Und sie lässt keinen Zweifel daran, dass ihr das gelingen wird. Dass die Parfüms ohne Zusätze auskommen und zusammen mit dem handwerklichen Niveau erst die hohe Qualität erreichen, war für die Iren zwar relativ neu, stieß aber auf ungeteilte Anerkennung. Denn seit der keltische Tiger Anfang der 1990er Jahre den Iren wirtschaftlichen Erfolg gebracht hat, hatten die Frauen auch Zeit, Geld und Muße, sich um Schönheit und Pflege zu kümmern.

In den Produkten sind nach wie vor nur die Pflanzen verarbeitet, die auch im Burren wachsen. Allerdings: würde Sadie die benötigte Menge aus dieser sensiblen Natur herausernten, wäre binnen weniger Jahre nichts mehr davon vorhanden. So kaufen sie mittlerweile einen Teil der Pflanzen und Ingredienzien dazu. Das Meiste kommt von irischen Feldern und aus biologischem Anbau. Der Lavendel jedoch wird aus besonderen Anbaugebieten Frankreichs bezogen und Rosmarin und Thymian beispielsweise kommt aus Spanien.

Und auch die Zusammensetzungen haben sich im Laufe der Zeit verändert. Es entwickeln sich Trends, die Moden wechseln und damit auch das Angebot. Sadie hat eine neue Marke kreirt, inspiriert von den Jahreszeiten Frühling, Sommer und Herbst mit ihren spezifischen Blüten und Pflanzen. Zwei Jahre wurden hier Rezepte entwickelt, getestet, ausprobiert und eine völlig neue Produktpalette aufgebaut. Der Einsatz hat sich gelohnt.

„Auf diese Weise sind wir Vorreiter in Sachen Natürlichkeit“, fasst Sadie die Rolle ihres Handwerksbetriebes zusammen. Dabei sind die Ziele nicht auf grenzenlose Expansion ausgerichtet. Im Gegenteil. Alle Produkte werden hier per Hand gefertigt und verpackt – und das soll auch so bleiben. Sie wollen klein und exclusiv bleiben, sonst wird es zu kommerziell. Dafür wollen sie lieber ein bisschen luxuriöser sein. Beispielsweise als Exklusivlieferant mit speziellen Duftnoten für Luxushotels. Denn vor allem anderen geht es um den persönlichen und individuellen Aspekt, die höchste Qualität durch beste Zutaten beinhaltet. „Vom Burren die besten Dinge“. Waren früher die Produkte eher als Mitbringsel und Geschenkartikel angesehen, bewähren sie sich heute eigenständig als qualitativ hochwertige Hautpflege- und Duftkompositionen.

Es ist jeden Tag geöffnet. Die ganze Familie lebt dort und der Nachwuchs geht in einem der Nachbarorte in die Schule. Öfter kommen auch Schulklassen zu einer Besichtigungstour des gesamten Geländes. „Das ist uns ganz wichtig, denn gerade die Kinder in den ersten Schuljahren sind aufnahmefähig. Denn nur wer die komplexen Zusammenhänge in der Natur versteht, kann sie auch respektieren und damit schützen.“ So ist es nicht verwunderlich, dass immer mehr Leute an diesen Zusammenhängen Interesse haben, auch im regionalen Umfeld.

Wer die Besucher beobachtet, erkennt sofort, wie sie es lieben, an den Fläschchen und Pröbchen zu riechen. Schon einige Meter vor dem Eingang des Ladens umschmeicheln die süßlich-herben Duftschwaden unsere Nase und das steigert sich zu einem Rausch, wenn man durch die Eingangstür getreten ist. Sie werden in dem Laden nur glückliche Gesichter sehen – auch auf den Gesichtern der Verkäuferinnen, die gleichzeitig abfüllen, verpacken, dekorieren und mit wortreichen Erläuterungen die Düfte portraitieren.

Direkt nebenan hat Sadie eine Ausstellung eingerichtet mit einem informativen Film und vielen beeindruckenden Fotos, die selbst kleinste Blüten und Tiere des Burren auf großformatigen Postern zeigen. So ergeben sich Einblicke in die Natur dieser außergewöhnlichen Gegend, die sonst kaum möglich wären. Mit diesem Wissen geht es in den Schau-, Duft- und Tastgarten. Auf schmalen Wegen lernt man die unterschiedlichen Pflanzen kennen. Je nach Jahreszeit empfängt den Besucher hinter den Bruchsteinmauern eine bemerkenswerte Vielfalt an Farben, Düften und Formen. Schließlich gelangt man an die Hütte, in der die Seifenmacherin ihr Reich hat. Ein Blick über ihre Schultern zeigt die Entstehung der wertvollen Stücke, die dann im Laden sorgsam eingepackt werden. Zum Abschluss gibt es Tee oder Kaffee und selbst gebackenen Kuchen im Tea Room. Die logische Konsequenz aus dieser Begeisterung ist der Kauf einiger Produkte, die im Showroom vor den Augen der Kunden verpackt werden. Das fasziniert übrigens auch Kinder, weil es alle Sinne anspricht und es viel zu sehen gibt.

Damit ist die Burren Perfumery weit mehr als ein Anziehungspunkt für Touristen und Neugierige, sondern versteht sich immer mehr auch als idyllischer Ort für Wissensvermittlung.

Von all dem erhalten Sie einen nachhaltigen Eindruck auf der Homepage der Perfumery. Sie wurde sehr sorgfältig erstellt, mit vielen Fotos und Erläuterungen versehen und mit dem Newsletter holt man sich regelmäßig ein Stück Burren nach Hause. Mehr Infos gibt es unter www.burrenperfumery.com

Text: Jan O. Deiters/Anna Soldan. Fotos: Jan O. Deiters