Sehenswert

Glendalough – Mysterium am See

Der Weg ist das Ziel. Es sind nur wenige Kilometer, dennoch liegt unser Ziel weitab von den Städten abgeschieden in den Wicklow Mountains südlich von Dublin. Uns erwartet ein weiteres fesselndes Zeugnis der Vergangenheit: Das Tal der zwei Seen.

Endlos erscheinen uns die kurvenreichen Sträßchen durch den dichten Wald, die uns nach Glendalough bringen. Schon wer den Namen ausspricht, scheint in die Riege der Mystiker aufgenommen zu sein. Glendalough ist der Inbegriff der Christianisierung in Irland. Der Ort war lange Zeit das magische Zentrum der Mönche, die dieses Areal im 6. Jahrhundert für sich entdeckten und konsequent zu einem der wichtigsten religiösen Zentren Irlands und Nordeuropas entwickelten.

Vor uns eröffnet sich ein schmales Tal. Wir sind früh unterwegs, um vor den zu erwartenden Touristenscharen ein bisschen von der Beschaulichkeit des Ortes atmen zu können. Die Senke liegt noch friedlich unter einem leichten Dunstmantel, während die Morgensonne sich durch die Wolken zwängt und von den Eichenwäldern her ihre Strahlen schickt. Zwei Seen bilden im Wesentlichen das Tal, ein oberer und ein unterer See. Sie sind es auch, die dem Ort den Namen gegeben haben: Tal der zwei Seen – Gleann dá locha. Am unteren See liegt die Klosteranlage mit der Kathedrale, den Kreuzen, Steinkirchen und dem dominierenden Rundturm. Am oberen See sind die Überreste aus der Klostergründung – beispielsweise die Schlafstätte des heiligen Kevin oder seine kleine Bienenkorbzelle.

Vom riesigen Parkplatz aus – der uns eine ungefähre Ahnung bringt, wie viele Menschen hier tagsüber sein werden – spazieren wir auf dem Grünen Weg entlang des mal rauschenden, mal plätschernden Flusses Gleneala. Der Sage nach soll sich der Heilige Kevin im 6. Jahrhundert hierhin zurückgezogen haben, um im Einklang mit der Natur und Gott leben zu können. Dafür gibt es wahrlich keinen geeigneteren Ort, denken wir, es ist ein idealer Ort, um abzuschalten. Wenn die Legenden stimmen, wurde Kevin 120 Jahre alt und starb erst 618. Was er begann führten seine Schüler fort und die Anlage entwickelte sich kontinuierlich zum geistigen Zentrum des Landes. Im 12. Jahrhundert zerstörte ein Brand große Teile des Klosters, 1214 gehörte es dem Dubliner Bischof und im 13. Jahrhundert wurde es auch noch von den Normannen vereinnahmt. Schließlich verfiel es, entwickelte sich aber zu einem der größten Wallfahrtsorte in Irland. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Anlage umfassend renoviert.

So laufen wir durch hohes Gras über Steine zwischen schief stehenden und verwitterten Kreuzen und Gebäuderesten herum. An jeder Ecke ergibt sich ein neuer faszinierender Blick. Die Baudenkmäler sind beeindruckend, die gut 33 Meter des Rundturms ragen wie eine Akupunktur-Nadel in den Himmel. Kann es sein, das diese Bauwerke an den Meridianen in der Landschaft eine ähnlich nachhaltige Wirkung haben wie eben diese Nadeln aus der Traditionellen Chinesischen Medizin beim Menschen? Wie sonst lässt sich erklären, dass manche Orte solch eine magische Anziehungskraft haben. Und zusammen mit dem Gezwitscher der Vögel und dem Rauschen des Flusses vermeint man, etwas eintauchen zu können in diesen heiligen Ort.

Wir sind beeindruckt. Allerdings stören mit fortschreitender Tageszeit die vielen Besucher die Idylle. Und ab dem frühen Nachmittag will eine besinnliche Stimmung auch nicht mehr so richtig aufkommen. Kaum noch lässt sich ein Fotomotiv erhaschen, auf dem sich nicht Regenjacken, Rucksäcke, Familien mit Kindern oder eine Senioren-Reisegruppe verewigen. Geduld ist gefragt, dann allerdings klappt auch das. Viele Menschen machen nun einmal Lärm. Ergänzt wird das Idyll durch eine Harfenistin, die sich strategisch günstig an der kleinen Brücke postiert hatte und keltische Weisen spielt. Einige Meter weiter sind es zwei Musiker mit Gitarre und Flöte, die einen Hauch von mittelalterlicher Musik zaubern. Uns wird bewusst, was sich hier im sechsten Jahrhundert abgespielt haben muss. Bis zu 3.000 Mönche, Schüler und Gelehrte lebten, beteten und lernten in der Blütezeit während des 11. Jahrhunderts hier. Glendalough war als „Rom des Westens“ bekannt. Unzählige Gläubige machten sich vom Kontinent her auf die beschwerliche Reise. Ganz sicher war es damals ein ebenso dynamischer und belebter Ort wie heute.

Allerdings gibt es eine gute Möglichkeit, der Hektik zu entkommen. Es reicht schon, einige hundert Meter auf dem Grünen Weg in Richtung Oberer See mit den Gebäuden aus der Gründerzeit des Klosters zu spazieren und schon werden es deutlich weniger Menschen. Hier wird man dann allerdings wirklich von der mystischen Landschaft umfangen.

Mehr Infos und Eindrücke unter www.glendalough.ie

Text: Anna Soldan. Fotos: Jan O. Deiters